Die 68er: “Einen Haufen Mist gemacht”
So titelte der Kölner Stadtanzeiger, als er heute über Maybritt Illners Sendung betreffend die 68er-Generation berichtete. Es drängt sich auch bei dem Schauspiel in dieser Sendung die Erkenntnis auf, dass Selbstgerechtigkeit, Dogmatismus und Pseudo-Psychologie die Leitlinien dieses merkwürdigen Teils der “Elterngeneration” waren und sind. Wie man sich gleichzeitig als antiautoritär und rebellisch bezeichnen kann, erschliesst sich für mich als Mensch in einer Generation, der dieses Phänomen überwiegend fremd ist, nicht. Oder aber, steckte etwa in dieser Revolution schon die nächste Diktatur (des Geistes)
Das wäre dann wirklich “ein Haufen Mist”.
Nachfolgend der Artikel, den man auch unter http://www.ksta.de/html/artikel/1208469664058.shtml abrufen kann:
Reste-Essen kann richtig lecker sein. Und manchmal kann sogar eine TV-Talkshow rundum unterhaltsam gelingen, wenn das Thema eigentlich abgestanden ist und auch die Gäste, naja, wie übrig geblieben scheinen. Maybrit Illners ZDF-Sendung zum Thema „Die 68er: Befreier oder Zerstörer?“ am Donnerstagabend war eine dieser Ausnahmen.Statt eines lahmen Aufgusses aus der Rubrik „Opa und Oma erzählen vom Krieg“ gab es richtig Zoff. Bettina Röhl, Tochter der RAF-Terroristin Ulrike Meinhoff, und die Publizistin Jutta Ditfurth fielen übereinander her als gäbe es kein Morgen mehr. „In ihren Büchern schreiben sie akribisch fantasierten Mist“, rief Röhl. Ditfurths Antwort ging im Tumult unter, bis Theater-Intendant Claus Peymann aus dem Hintergrund Röhl auf eine Art in Schutz nahm, wie man es von den 68ern gewöhnt ist: „Sie leidet halt an ihrer Mutter.“ Immer schön von oben herab, immer eine psychologisierende Erklärung im Gepäck – die im Falle Röhls allerdings vermutlich nicht von der Hand zu weisen ist.
Fortsetzung in den Kommentaren

18 April 2008 um 11:10
Der Furor jedenfalls, mit dem die Autorin die Generation der Mutter auseinander nahm, die ihre Familie dem Kampf für die Revolution geopfert hatte, enthüllte eine tragische Figur. Aber er brachte Feuer in die Runde, immer dann, wenn die in Selbstgerechtigkeit strahlende Ditfurth, der wild fabulierende Peymann oder der sorgfältig differenzierende TV-Journalist Heiner Bremer im Eigenlob über die liberalisierende Wirkung der Studentenrevolte versanken. „Die 68er haben aus einer idealen Situation einen Haufen Mist gemacht“, rief Röhl dann zum Beispiel, oder: „Der Kern der Bewegung war die Revolution, der Staatsumsturz.“
In der Rolle des abgeklärten Provokateurs überzeugte der Historiker Götz Aly. Mit seiner These, es gäbe Kontinuitäten zwischen dem anti-bürgerlichen Aufstand der jungen Nazis (den „33ern“) und der Elite der 68er-Bewegung, brachte er Peymann und Ditfurth gleich zu Beginn der Sendung in Rage. Nicht weniger als die „Relativierung des Faschismus“ warf die Ex-Grüne Aly vor.
Peymann gefiel sich als Retter des Idealismus, der ein „Plädoyer für die Revolution halten“ wollte und seine Schwäche in Sachen Fakten als Sieg der Leidenschaft interpretierte. Etwa, als er zum Thema Gewalt ausrief: „So viele Leichen lagen ja auch nicht an der Seite, das war doch alles verhältnismäßig harmlos.“
An diesen und vielen anderen Punkten trug der Chef der Unionsfraktion im Bundestag, Volker Kauder, wohltuend zur Sendung bei, indem er darauf verzichtete, Peymanns Unsinn lauthals als „Schlag ins Gesicht der Terroropfer“ zu geißeln. Vielmehr überzeugte Kauder durch Ruhe und Sachlichkeit – ohne verbergen zu können, wie sehr die Erfahrung ihn geprägt und wohl auch verletzt hat, mit Anfang 20 während der 68er-Zeit auf der anderen Seite gestanden zu haben: unter denen, die von der studentischen „Elite“ nieder gebrüllt wurden, weil sie einfach nur studieren wollten und die Zerstörung des Systems für einen Fehler hielten.
Wie persönlich dieser ideologische Streit für die Beteiligten bis heute wahrgenommen wird, zeigte sich etwa, als Kauder als Antwort auf Peymanns Lob der Leidenschaft für sich reklamierte, als Student ebenfalls leidenschaftlich gestritten und diskutiert zu haben. „Und trotzdem sind Sie nur in der CDU gelandet“, warf Ditfurth ein, woraufhin Kauder ein einziges Mal die Coolness abhanden kam. „Diese Arroganz haben sie immer noch“, faucht er.
Was die Runde auch für Nicht-Zeitzeugen so interessant machte, war zugleich auch anstrengend: Nicht nur, dass den Egomanen der Revolte Humor und Selbstironie zumeist vollkommen abgehen. Sie können darüber hinaus kein Thema debattieren, ohne alles irgendwie auf sich zu beziehen. „Sie nehmen alles persönlich“, stellte Illner denn auch erstaunt fest, als Ditfurth auf die Frage nach allgemeinen politischen Einschnitten mit ihrem damaligen Alter argumentierte. Peymann beschwerte sich, als „toller Künstler, aber sonst ein Idiot“ angesehen zu werden, obwohl es um ihn persönlich nie gegangen war. Ditfurth verwahrte sich dagegen, dass Röhl sie „persönlich“ angreife – obwohl sie selbst wenige Minuten zuvor Götz Aly höchst persönlich werdend geschulmeistert hatte: „Was du mit deinen beiden letzten Büchern gemacht hast, ist etwas, was ein Historiker nie tun darf: Du entlastest die Eliten. Und für so was kriegt man dann auch das Bundesverdienstkreuz.“ An dieser Stelle hatte sich Aly aus der Debatte aber schon weitgehend ausgeklinkt und verfolgte das Scharmützel mit einem ironischen Lächeln. Politisch erhellendes, neues ist nicht herausgekommen bei Maybrit Illner, wie erwartet. Aber die Kontrahenten schafften es, eine Stunde lang zu belegen, warum über ein ausgelutschtes Thema immer noch leidenschaftlich gestritten werden kann - selbst wenn es jüngeren Zuschauern vorgekommen sein mag wie die Actionvariante von „Oma und Opa erzählen vom Krieg“. Aber das ist ja ab und zu auch mal spannend.
18 April 2008 um 18:03
Veilleicht interessiert Dich die Diskussion bei Illner gestern.
18 April 2008 um 19:44
Hallo, eben habe ich einen Artikel über eine Sendung auf Arte gefunden (18.04.2008, http://www.ksta.de/html/artikel/1207479037369.shtml):
Im Schatten der Väter, ERSTELLT 18.04.08, 16:35h
Die politisch-persönlichen Wendungen ihres Vaters will Wiebke Mahler bis heute lieber nicht kommentieren. Er sei immer eine exzentrische Persönlichkeit gewesen, gibt sie eher lakonisch zu Protokoll und deutet doch an, dass dies nicht die ganze Wahrheit hinter Horst Mahler ist, der als Anwalt der Studentenführer in die Unterwelt der RAF abtauchte und später der NPD intellektuell dienen sollte.
Marek Dutschke bleibt eher still, wenn er auf das ideologische Vermächtnis seines eloquenten und wortgewaltigen Papas angesprochen wird, die Ex-Taz-und heutige „Welt“-Redakteurin Mariam Lau bekennt sich nun offen zu neo-liberalen Positionen, die in der Gedankenwelt ihres Vaters Bahman Nirumand wohl nur bedingt Platz hatten.
Gemeinsam ist diesen „Kindern der 68er“, die Jürgen Bevers für Arte / WDR in seiner gleichnamigen Dokumentation befragte, dass sie sich schwer damit tun, aus dem Schatten ihrer prominenten Väter zu treten. Denn es waren, auch wenn dies Bevers nur indirekt konturierte, vor allem junge, zornige Männer, die aller Gleichberechtigungs- und Emanzipations-Prosa zum Trotz, die Bilder und Töne von 1968 vordergründig bestimmten. Einen etwas differenzierteren Blick auf die Veränderungen der Geschlechterbeziehungen gestattet da schon Sabine Stadtmüller, die in „Sex und 68“ (Arte, 23.4. / 21 Uhr) die Verschiebungen der Sexualität zwischen Anspruch und Wirklichkeit auszuloten versucht.
Gleichwohl gab Bevers mit seinem Porträt der Nachfolger-Generationen interessante Hinweise darauf, warum mache Fragen der 68er, die heute noch so aktuell scheinen wie damals, versandet sind. Denn geblieben sind die Utopien und Sehnsüchte von einer gerechteren Welt und der Selbstverwirklichung des Einzelnen - geworden sind daraus heute Streben nach persönlicher Karriere und Aversion gegen die Zwänge grüner Realpolitik.
RAINER BRAUN
18 April 2008 um 22:56
Die 68-er sind jetzt nur noch verkrampfte Frührentner, mindestens genauso spießig wie ihre früheren Feindbilder. Fahren mit ihrem ostentativen Kleinwagen durch die Gegend aber lassen sich den Brunello di Montalcino durch die Kehle gluggern. Als Vorbild total ungeeignet weil sie außer Phrasen nix können. Können sich gut anpassen siehe “Monrepos” von Manfred Zach. Das steht ja schon im Beitrag oben letzter Satz!!! Die Jugend von heute ist hip locker und total unverkrampft unpolitisch undogmatisch und will Spaß Familie Erlebnis …
7 Mai 2008 um 21:28
Am Montag, 05.05.2008, sprach Lord Dahrendorf im Kölner Presseclub über 1968: Aufbruch in eine bessere Zeit oder Einstieg in den Abstieg? Nachfolgend ein Artikel des Stadtanzeigers über das Gespräch:
„Überzeugungskraft mehr durch Gestalt“
VON RALF JOHNEN,
Es ist eine deutsche Obsession.“ Wenn Lord Ralf Dahrendorf auf die „68er“ zu sprechen kommt und auf die gegenwärtige Auseinandersetzung mit der Studenten-revolte vor 40 Jahren, ist sein Urteil eindeutig. Er hält die „Ära 68“ für überschätzt und das Ausmaß, mit dem die Republik 40 Jahre danach erneut darüber debattiert, für einen Hype. Dabei wäre Dahrendorf wohl der Letzte, der etwas gegen die Diskussion als solche hätte - schließlich war er es, der sich als Verfechter liberaler Grundwerte
im Januar 1968 auf ein Wortgefecht mit Rudi Dutschke einließ. Anlass der legendären Begegnung auf dem Dach eines Kleinbusses war der FDP-Parteitag in Freiburg - zu Zeiten der ersten großen Koalition, als die Liberalen die einzige parlamentarische Oppositionspartei waren.
Das Bild der beiden Diskutanten ging damals um die Welt. Und wie Dahrendorf im Kölner Presseclub nicht ohne Stolz rekapituliert, hat er sich seinerzeit auf das Wort-gefecht eingelassen, obwohl ihm der gerade frisch zum FDP-Vorsitzenden gekürte Walter Scheel für diesen Fall das schnelle Ende seiner politischen Karriere prophezeite - was sich zu Dahrendorfs Genugtuung als unrichtig erwiesen hat.
Wie der 79-Jährige, der seit 1993 Mitglied des britischen Oberhauses ist, anmerkt, werde angesichts dieser einen Begegnung häufig vergessen, dass er in der heißen Phase der Proteste mindestens 20-mal mit Dutschke als dem unumstrittenen Wort-führer der Studentenbewegung zusammengekommen sei. Und dabei sei er - wie Dahrendorf mit staatsmännischer Milde bekundet - zur Überzeugung gelangt, dass Dutschke von seiner Mentalität her kein gewaltbereiter Mensch gewesen sei. Für umso tragischer hält er es, dass Dutschke im April 1968 selbst von einem Attentäter schwer verletzt wurde.
In der Sache ist der zum Weltbürger avancierte Soziologe freilich weniger konzessionsbereit: „Ich glaube nicht, dass Dutschke inhaltlich irgendwelche Spuren hinterlassen hat.“ Das Konzept der außerparlamentarischen Opposition sei reichlich substanzlos gewesen. Vielmehr ist Dahrendorf bis heute überzeugt, dass es eher Dutschkes Gestalt als der Gehalt seiner Äußerungen gewesen sein müsse, die dem Marxisten seine enorme Gefolgschaft bescherte. Darüber könnten auch die voluminösen Aktenstapel nicht hinwegtäuschen, die Dutschke stets mit sich herum-trug. Dass es nicht so wichtig sei, was ein Redner sage, sondern wie er etwas sage, lasse sich schließlich auch in der Gegenwart beobachten: „Oskar Lafontaine ist auch so einer.“ Oder Barack Obama.
Rückblickend gesteht Dahrendorf im Gespräch mit Hildegard Stausberg, dass die ominöse Bus-Debatte am Rand des FDP-Parteitags insgesamt recht eigentümlich gewesen sei: „Wir haben auf dem Dach dieses Fernsehautos gesessen, was nicht sonderlich bequem ist, und Sprüche ausgetauscht.“ Bei aller Bescheidenheit nimmt
er für sich in Anspruch, das Wortgefecht mit einem leichten Punktvorteil für sich entschieden zu haben. Auch - wie er, ganz Gentleman, hinzufügt - weil der Revolutionär an diesem Tag in Eile gewesen sei. Wenn es an ihrer Begegnung letztlich etwas zu beklagen gebe, dann nur, dass er keine Tantiemen für das so
häufig gedruckte Bild bekommen habe.
Trotz der lebendigen Erinnerung daran will der heute überwiegend in Köln lebende Gelehrte nicht unerwähnt lassen, dass ihn vor 40 Jahren andere Themen weitaus mehr bewegt hätten. Der Prager Frühling etwa oder die Menschenrechtsverletzungen in China. Überhaupt beharre er mehr denn je auf seiner Position, dass die großen gesellschaftlichen Einschnitte hierzulande bereits in den frühen 60ern eingesetzt hätten: „Der Minirock wurde schließlich nicht erst 1968 erfunden.“
Copyright: KStA 07.05.2008
http://www.ksta.de/jks/artikel.jsp?id=1209912051513